Vithoulkas Methoden der Fallanalyse im Überblick

Von Roger Morrison

  1. Essenz und Totalität der Leitsymptome
    Essenz, Totalität der Symptome und Leitsymptome weisen gemeinsam auf die gleiche Arznei.
    Häufigkeit des Vorkommens. 1 % aller Fälle, Treffsicherheit. 99 %.
  2. Essenz und Totalität (oder Essenz und Leitsymptome) Essenz und Totalität der Symptome weisen auf die gleiche Arznei hin. Der Fall bietet jedoch keine Leitsymptome (oder aber Essenz und Leitsymptome, nicht aber die Totalität der Symptome, indizieren das gleiche Mittel.
    Anmerkung: Das Mittel sollte nicht zu anderen Informationen des Falles in Widerspruch stehen. Ein Beispiel: Die Essenz und die Leitsymptome weisen auf Arsenicum album hin, aber der Patient ist ausgesprochen warmblütig.
    Häufigkeit des Vorkommens: 15 % aller Fälle, Treffsicherheit: 95 %.
  3. Totalität und Leitsymptome
    Totalität und Leitsymptome weisen gemeinsam auf das gleiche Mittel hin.
    Anmerkung: Das angezeigte Mittel sollte nicht im Widerspruch stehen zur Essenz des Patienten. Dies wäre z.B der Fall, wenn die Totalität der Symptome und die Leitsymptome auf Nux vomica hinweisen, der Patient jedoch, von liebreichen, geduldigem und ruhigem Wesen ist.
    Häufigkeit des Vorkommens: 25 % aller Fälle, Treffsicherheit: 90 %.
    Die Schritte 1, 2 und 3 stellen bestätigende Methoden der Verordnung dar und sind daher sicherer als die folgenden.
  4. Essenz
    Die Essenz. weist ganz klar auf ein bestimmtes Mittel hin, doch weder die Totalität der Symptome noch die Leitsymptome bieten der Verordnung der Arznei eine Stütze. Indessen darf die übrige Information des Falles dem Mittel der Wahl nicht widersprechen.
    Häufigkeit des Vorkommens: 20 % aller Fälle, Treffsicherheit 80 %.
  5. Totalität
    Die Totalität der Symptome weist deutlich auf ein einziges Mittel hin, ohne dass der Fall Leitsymptome dieses Mittels oder eine dieser Arznei entsprechende Essenz aufweist. Auch hier gilt: Essenz und Leitsymptome, die der Fall sonst noch präsentiert, dürfen dem Mittel der Wahl nicht widersprechen.
    Häufigkeit des Vorkommens: 35 % aller Fälle Treffsicherheit:. 60 %.
  6. Verlässlichkeit der Symptome
    Hier gewährt weder die Totalität der Symptome eine klare Lösung noch zeigt der Falle eine Essenz (oder aber die Totalität der Symptome und die Essenz stehen in Widerspruch). Der hier skizzierte Schritt besteht darin, die verlässlichsten Symptome des Falles auszuwählen. Sehr oft sind das die in den Anamneseaufzeichnungen dreimal oder viermal unterstrichenen Symptome des Falles.
    Wir können aber auch das durch seine Ungewöhnlichkeit auffälligste Symptom, das sich im Fall finden lässt, zum über die Wahl des mittels entscheidenden Symptome wählen. Wenn wir unsere Wahl treffen, müssen wir uns immer fragen: auf welches Symptom kann ich mich absolut verlassen.
  7. Der Pathologische Schwerpunkt
    Bei diesem Analyseschnitt dürfen wir sogar die verlässlichen Symptome außer acht lassen, wenn sie uns nicht behilflich sein konnten, in aller Klarheit die korrekte Arznei zu formulieren. Wir konzentrieren und in so einem Fall allein auf den pathologischen Schwerpunkt – etwa, indem wir lediglich die Modalitäten des Kopfschmerzes zur Mittelfindung verwerten.
  8. Erst kürzlich aufgetretene Pathologie
    Wir lassen den größten Teil der gesammelten Symptomatik außer acht und konzentrieren uns ausschließlich auf die erst: in jüngerer Zeit aufgetretenen Symptome. In diesen Fällen hören wir oft vom Patienten: „Mir ging es im wesentlichen gut bis.....dann traten ernstliche Gesundheitsprobleme auf.“
  9. Drei Leitsymptome aus verschiedenen Bereichen
    Hier verfügen wir über drei (oder auch mehr) Leitsymptome, die gerneinsam auf das gleiche Mittel hinweisen. Wir müssen dabei beachten, dass die Leitsymptome unterschiedlichen Bereichen des Falles zu entstammen haben ‑ das waren z.B. ein Gemütssymptom, ein Nahrungsmittelverlangen und eine zufällige Modalität.
  10. Die Leitsymptomatische Essenz
    Wenn ein einziges besonderes Syndrom im Brennpunkt der Patientenklage steht und es ein Mittel gibt, dessen Armeimittelbild genau dieses Syndrom in der gleichen Intensität besitzt wie der Fall, dann können wir von einer sogenannten Leitsymptomatischen Essenz sprechen.
  11. Doppel‑ und Dreifachsymptome
    Viele Arzneien zeigen in ihrem Mittelbild zwei oder drei Symptome, die miteinander verbunden sind und gleichsam eine Einheit bilden. So ist Cobaltum nicht eines unserer Hauptmittel gegen Lumbago noch bei nächtlichen unfreiwilligen Samenabgängen. Wenn wir jedoch einem Fall begegnen, welcher beide Symptome aufweist, dann leitet uns dieses Doppelsymptom deutlich zu Cobaltum.
  12. Drei Leitsymptome aus einem einzigen Bereich
    Wenn wir es mit drei Leitsymptomen zu tun haben, die alle einem einzigen Bereich des Falles entstammen, stehen wir mit unserer Verordnung nicht auf ebenso sicherern Boden wie in einem Fall, der mit Hilfe des Schrittes 9 der Fallanalyse, welcher Leitsymptome aus unterschiedlichen Bereichen verwerten konnte, gelöst wurde. Jedoch finden wir in einigen Fällen gleichsam eine „Traube“ von Leitsymptomen, die alle einem einzigen Bereich zugehören ‑ wie etwa auffallende Nahrungsmittelverlangen, die alle deutlich auf Phosphorus hinweisen; oder drei vor allem für Calcarea carbonica typische Ängste.
  13. Kombinierte Arzneien
    Bei diesem Analyseschritt geht es um einern Fall, dessen Symptome deutlich auf zwei verschiedenen Mittel zugleich hinweisen ‑ etwa deutliche Symptome von Natrium muriaticum und ebenso deutlich für Phosphorus sprechende Symptome. In einer solchen Situation ist es statthaft, eine sogenannte kombinierte Arznei zu verordnen ‑ in unserem Beispiel also Natrium phosphoricum. Diese Methode führt allerdings nur dann zuverlässig zu Ergebnissen, wenn wir es mit einem Leitsymptom zu tun haben, das weder Phospborus noch Natrium muriaticum besitzen, sondern charakteristisch für Natrium phosphoricum ist, wie etwa das Verlangen nach Spiegeleiern.
  14. Zwei Leitsymptome
    Während wir uns die Stufenleiter abwärts bewegen, erziehlen wir immer seltener gute Ergebnisse. Jetzt befinden wir uns in einer Situation, in der wir unsere Verordnung auf der Grundlage von lediglich zwei Leitsymptomen treffen.
  15. Nosoden
    Wenn scheinbar gut gewählte Mittel entweder gar nicht oder nur kurze Zeit wirken, oder wenn keine Arznei auf den Fall zu passen scheinen will, dürfen wir nach einer Nosode Ausschau halten. Falls uns der Patiernt die gesicherte Information geben kann, dass sein Leiden durch ein spezielles Miasma ausgeIöst wurde (etwa, wenn wir mit Sicherheit wissen, dass der Vater des Patienten an Tuberkulose erkrankt war) und wir überdies irgendeinen Hinweis auf diese Miasma besitzen (z.B. eine Katzenallergie), dann rechtfertigt das die Verordnung der entsprechenden Nosode (in unserem Beispiel also Tuberculinum). Das schließt natürlich keineswegs aus, dass wir eine Nosode auch in einer jeder Situation einsetzten können, die in den vorausgegangenen 14 Schritten skizziert wurde.

      (Im Internet zur Verfügung gestellt von Anja Wehling)